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Interviews

Bernhard Denkinger über Szenografie für Holocaust-Themen

POSTED 18. September 2014
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Ich versuche bei meinen Gestaltungen die ‚Totale‘ einer exklusiven Ausstellungs-‚Erzählung‘ zu vermeiden und ein Nebeneinander verschiedener ‚Erzählfragmente‘ zu ermöglichen.“

 

Der Wiener Architekt und Ausstellungsgestalter Bernhard Denkinger war in den vergangenen Jahren an zahlreichen Ausstellungen zur Holocaust-Thematik in Österreich beteiligt. Dabei zählt für ihn weniger die große Geste, die häufig die Gestaltung nationaler Gedenkstätten bestimmt, als die Ermöglichung eines individuellen Zugangs zu Geschichte im Rahmen ortsbezogener Erinnerungsarbeit. Sein Gestaltungsansatz verzichtet zudem sowohl auf „dramatisierende“ Elemente als auch auf eine „exklusive Ausstellungs-Erzählung“. Warum das so ist und wozu wir Ausstellungen über so schwierige historische Themen wie den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust mehr denn je brauchen, erzählt er uns im Interview. Außerdem stellen wir sein letztes Projekt „Stollen der Erinnerung“ vor.


Die Fragen stellte Anne Horny.

 

Herr Denkinger, Sie haben schon mehrere Ausstellungen zur Holocaust-Thematik realisiert. Sind Ausstellungen hierfür überhaupt das geeignete Medium ?

Prinzipiell ja! Es sollte jedoch ein Paradigmenwechsel stattfinden: Weg von Präsentationen, mit denen versucht wird dem Entsetzlichen durch dramatische Gesten und Großevents Ausdruck zu verleihen, hin zu einer Sichtweise, die den Besuchern einen individuellen Zugang ermöglicht. Appellative, beschwörende Darstellungen der geschichtlichen Ereignisse ziehen sich als Konstante durch Ausstellungen zum Themenkomplex Holocaust, ebenso wie die symbolische Überhöhung und Instrumentalisierung der ehemaligen Tatorte. In Österreich war die offizielle Auseinandersetzung mit Holocaust und Nationalsozialismus jahrzehntelang fast ausschließlich auf die Gedenkstätte Mauthausen fokussiert. Mauthausen war gleichsam ein „exterritorialer“ Ort des Schreckens, in einem scheinbar von den historischen Ereignissen unbeschädigt gebliebenen Land. Die Ausstellungen „Stollen Nr. 5“ und das „Zeitgeschichte Museum Ebensee“, die ständige Ausstellung „KZ-Gusen 1938-1945“ oder der „Stollen der Erinnerung“ in Steyr hingegen zeigen, dass das ganze Land, bis in die kleinste Gemeinde, mit dieser Problematik konfrontiert war. Mit den dort ausgestellten Dokumenten wird verständlich, dass der Alltag von ganz normalen Leuten unter Umständen lebensgefährliche Entscheidungen abverlangte. Durch solche Ausstellungsinhalte, mit denen auf die schmale Grenze zwischen Gut und Böse und die oft nur geringen Handlungsoptionen verwiesen wird, können die Adressaten besser erreicht werden als durch Berichte von einem entfernten Ort des Schreckens, an dem „Unsagbares“ stattfand.

 

Sie sagen, Sie haben eine spezifische gestalterische Haltung gegenüber „schwerverdaulichen“ historischen Themen entwickelt. Wodurch zeichnet sich diese Haltung im Einzelnen aus?

Ausstellungen zur Holocaust-Thematik sind durch eine sehr asymmetrische Objektlage gekennzeichnet. Überliefert sind überwiegend Dokumente, die aus der Sicht der Täter erstellt wurden. Wesentliche Fakten sind häufig nur über Erinnerungsberichte von Zeitzeugen rekonstruierbar. Diese Erinnerungen sind oft wenig repräsentativ: Was an einem Ort oder zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt wurde, kann sich wenige Monate später, am gleichen Ort, anders darstellen. Viele Gestalter versuchen diese Lücken durch gestalterische Maßnahmen zu kompensieren. Exponate werden „dramatisiert“, grafisch überformt und durch audiovisuelle Präsentationen ersetzt. Ausstellungsobjekte werden in lackierte oder mit Resopal verkleidete Wandverbauten und Podeste eingesetzt, die sich manchmal nur marginal von Wohnzimmereinrichtungen oder Designerküchen unterscheiden.
Für mich ist der Mangel Teil des gestalterischen Konzepts: Das Ärmliche, Notdürftige, Behelfsmäßige und Unsichere darf und soll zum Ausdruck kommen. Die Konstruktionen sind oft aus rohen oder bei Zweckbauten gebräuchlichen Materialien ausgeführt. Die meist nur als Reproduktionen ausstellbaren Objekte bilden eine eigene „Material“-Schicht, die – unabhängig von den meist umfangreichen, oft zweisprachigen Texten – visuelle Schwerpunkte und Verbindungen ermöglicht. Die asymmetrische Objektlage wird auch zum Thema von Präsentationen: Ein scheinbar beiläufig platziertes, vereinzelt stehendes Foto, konfrontiert mit einer Fülle von Dokumenten der NS-Bürokratie, kann mehr über einen Sachverhalt aussagen als ein von umfangreichen Erläuterungen begleitetes Konvolut an Beweisstücken.

 

Historische Ausstellungen tendieren dazu, sich entweder in Forschungsdetails zu verlieren oder komplexe Sachverhalte auf eine vermeintlich objektive Narration herunterzubrechen, so dass nicht die kritische Reflexion im Vordergrund steht, sondern eine Vereinheitlichung von Wissen. Wie sorgen Sie als Gestalter dafür, dass Ihre Ausstellungen nicht nur für Experten interessant sind, sondern den „ganz normalen Menschen“ erreichen, ohne dabei eindimensional und damit ideologisch zu werden?

Historische Ausstellungen leiden unter dem Trauma eine als unvollständig und nicht ausreichend abgesichert empfundene Arbeit „verfrüht“ zur Diskussion stellen zu müssen.
Die Befürchtung, wesentliche Aspekte übersehen zu haben, inhaltliche Substanz im Verlauf der unvermeidlichen Reduktionsvorgänge zu verlieren, führt zu einer enzyklopädischen, additiven Herangehensweise. Der Gestalter wird hier schnell zum „Regalbetreuer“ eines mit historischen Versatzstücken handelnden Supermarkts, mit der Aufgabe, möglichst viel Material in die Regale zu packen. Demgegenüber steht eine zweite Tendenz, Gestaltung als bloßen Vollzug eines von Kuratoren, Museologen und Ausstellungsmachern zu Ende gedachten „Narrativs“ zu verstehen.
Ich versuche bei meinen Gestaltungen die „Totale“ einer exklusiven Ausstellungs-„Erzählung“ zu vermeiden und ein Nebeneinander verschiedener „Erzählfragmente“ zu ermöglichen. Häufig baue ich Räume so auf, dass sich visuelle Überlagerungen zwischen Exponaten verschiedener Themenbereiche oder Blickverbindungen zur Außenwelt ergeben. Ein zweiter Punkt ist der Umgang mit den Objekten selbst: Werden sie zu Gruppen verbunden oder seriell präsentiert, erleichtert das die Lesbarkeit und ermöglicht eine eigene, besondere Raumsituationen für individuell herausgehobene Objekte. Räume mit vielen und gleichzeitig einsehbaren Exponaten überfordern die Besucher, andererseits vermitteln Ein- und Überblicke Sicherheit und ermöglichen es den Rundgang individuell zusammenzustellen.
In der ständigen Ausstellung in Gusen sind die schriftlichen Dokumente in die horizontale Ebene verlegt. Beim Betreten des Ausstellungsraums treffen die Besucher auf eine scheinbar kleine Anzahl von mittel- und großformatigen Fotos, die als Leitbilder der jeweiligen Stationen dienen. Die besonders „problematische“ Schlusssequenz, die Exekutionen und Leichengruppen zeigt, ist durch einen als Großfotografie ausgeführten Raumteiler verdeckt. Die Detailebene der horizontal liegenden Dokumente erschließt sich den Besuchern erst aus der Nahperspektive: Trotz einer sehr großen Anzahl an Objekten und Texten wirkt die Ausstellung so weiträumig und großzügig.

 

Ihr aktuellstes Ausstellungsprojekt „Stollen der Erinnerung“ sollte zwei in Ihren Augen beinahe widersprüchliche Funktionen erfüllen: nämlich „Ort des Gedenkens“ sein und „Ort des Lernens“. Was ist der Widerspruch? Und konnten Sie ihn lösen?

Anders als das Erinnern hat das Gedenken eine rituelle, religiöse und moralische Komponente. Ein „Ort des Lernens“ sollte den Lernenden ermöglichen, sich die Materie ohne vorgegebene Interpretationsmuster anzueignen. Der Widerspruch konnte dadurch aufgelöst werden, dass die Zitate der Zeitzeugen räumlich vom Ausstellungskommentar gelöst und ohne „erklärende“ Begleitillustrationen präsentiert sind. Gegen Ende der Ausstellung wird mit einer Serie von Porträts ehemaliger Häftlinge individuelles Gedenken ermöglicht.

 

Sie wurden von einem Verein beauftragt, der sich ehrenamtlich um ein KZ-Denkmal und einen jüdischen Friedhof kümmert. Sie selbst haben externe Wissenschaftler zur Mitarbeit vorgeschlagen. Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert? Sicherlich haben Gestalter, Historiker und Vereinsmitglieder unterschiedliche Vorstellungen?

Beim Projekt in Steyr, das Sie damit ansprechen, war das „Social Engineering“ ein wesentlicher Punkt. Der Verein hatte seit über zehn Jahren Material gesammelt und wollte vor allem die Perspektive der ehemaligen Häftlinge darstellen. Die externe wissenschaftliche Kuratorin betonte strukturelle Zusammenhänge und schlug notwendige Akzentverschiebungen vor. Es entstand auch eine Diskussion darüber, wie viel an Vorwissen vermittelt werden müsse, um das Thema rezipieren zu können. Der (typisch österreichische) „Interessensausgleich“ zwischen den beiden Positionen führte zunächst zu einer Ausweitung des Programms. Aus gestalterischer Sicht drohten damit aber eine zu umfangreiche Einleitungssequenz und eine zu große Anzahl thematisch ähnlicher „Ausstellungserzählungen“ den Blick auf die wesentlichen und interessantesten Aspekte zu verdecken. Dank Bertrand Perz, einem sehr ausstellungserfahrenen Historiker, der uns bei der Erstellung der Ausstellungsinhalte beriet, konnte schließlich eine streng thematische Zugangsweise durchgesetzt werden. In der Gestaltung versuchte ich die Konstanten und Muster zu betonen. Vieles, was zum Beispiel im Bereich „Zwangsarbeit“ angesprochen wird, kehrt in verschärfter Weise im Bereich „Konzentrationslager“ wieder.

 

Damit Vergangenheit nicht um ihrer selbst Willen zum Thema wird, muss ihre Relevanz für die Gegenwart sichtbar werden. Können Sie beschreiben, welche zeitgenössischen Gründe zu dieser Ausstellung geführt haben, wer durch sie „spricht“ und zu wem?

Die wachsende mediale Präsenz von Themen zu Nationalsozialismus und Zwangsarbeit sowie die Diskussion um Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen durch Österreich hat staatliche Institutionen und viele private Verantwortungsträger für diese Thematik „sensibilisiert“ und die Umsetzung eines derartigen Projekts ermöglicht. „Sprecher“ erster Instanz sind ehemalige KZ-Häftlinge und ZwangsarbeiterInnen. Im letzten Drittel des Ausstellungsparcours „sprechen“ vermehrt Zeitzeugen aus der örtlichen Bevölkerung. Die Sichtweise der Kuratoren und des Vereins wird über die Ausstellungskommentare vermittelt. Aus Sicht des Vereins sind Jugendliche die Hauptadressaten. Die Besucherstatistik der inzwischen über 6.000 Besucher zeigt aber ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen: vom Kegelverein über den Firmenausflug bis zum Individualbesucher aus der unmittelbaren Umgebung.

 

Finden Sie eine Ausstellung sollte mit einer bestimmten Fragestellung oder herausfordernden These auftreten? Und wenn ja, was wären diese beim „Stollen der Erinnerung“?

Eine Hinterfragung setzt ein weit verbreitetes Wissen um ein Thema und einen gesellschaftlichen Konsens wie etwas zu betrachten sei, voraus. Bei Ausstellungen mit Holocaust-Bezug werden die bisher vorherrschenden „Betroffenheitsdiskurse“ zunehmend von einer breit aufgefächerten, auf Fakten fokussierenden Betrachtungsweise abgelöst. Thesen sind für mich ein Arbeitsinstrument, um meine eigene Herangehensweise zu strukturieren. Die Ausstellung „Peter Altenberg“ zum Beispiel war ein klassischer Fall für eine nette „Wien um 1900“-Inszenierung. Aus der Beschäftigung mit der Vita und dem Werk Altenbergs entstand für mich das Bild eines von Perversionen und Alkoholismus gezeichneten „dirty old man“. Das Besondere an seinem Werk war das fragmentarische, sensualistische seiner meist sehr kleinen Arbeiten. In der Ausstellung kommen diese Aspekte über eine prall mit Bierflaschen gefüllte, unter der Decke hängende Vitrine oder durch ein in ungewöhnlichen Höhen und Positionen platziertes, „durcheinander gerütteltes“ Ausstellungsinventar zum Ausdruck oder auch durch Materialien wie weiße, halbdurchsichtige Kunstoffstegplatten.

 

Sollten Gestalter wissenschaftliches Interesse haben und Wissenschaftler Szenografie ernster nehmen?

In den frühen 1980er-Jahren gab es noch Fachbücher mit Hilfe derer Wissenschaftler ihre Ausstellungen „gestalten“ konnten. Gestalter waren fast ausschließlich Grafikdesigner, die zusätzlich zur Katalog- und Textgestaltung, Großbilder platzierten. Ausstellungsgestaltung und Szenografie konnten sich im Ausstellungs- und Museumsbereich erst sehr spät als eigene Disziplinen durchsetzen. Ich erhalte oft Anregungen aus sekundär-wissenschaftlichen Arbeiten. Die Gestaltung der Ausstellung „Euphorie und Unbehagen“ bezieht sich in vielen Bereichen auf Alain Badious: „Fünf Lektionen zum ‚Fall‘ Wagner“.

 

Eine abschließende Frage: Wozu brauchen wir Ausstellungen? Was ist in Ihren Augen ihre gesellschaftliche Aufgabe?

Ein Großteil unseres Lebens- und Erfahrungsraums wird inzwischen durch digitale Kommunikationsmuster und virtuelle Räume bestimmt. Ausstellungen mit realen Objekten, die Geschichten erzählen, die tatsächlich stattgefunden haben, bilden eine Brücke zur Realität. Öffentlich finanzierte Ausstellungen, ermöglichen – von wirtschaftlichen Interessen losgelöst – die Aufarbeitung historischer Zusammenhänge oder gesellschaftlicher Fragestellungen. Hier liefern oft kleine Institutionen einen überproportionalen Beitrag. Ausstellungsgroßevents, die Verkaufserlöse des Kunstmarkts über Besucherzahlen abbilden, können wir der Werbewirtschaft und privaten Finanzierungsmodellen überlassen.


Bernhard Denkinger, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

 

Zur Person

Bernhard Denkinger, geboren 1956, arbeitet als Architekt in Wien mit dem Schwerpunkt Museums- und Ausstellungsgestaltung. Zu den seit 1995 realisierten Projekten mit Bezug zu historischen und zeitgeschichtlichen Themen zählen die ständigen Ausstellungen „Stollen der Erinnerung“ (2013) und „KZ Gusen 1939–1945“ (2006) sowie die Ausstellung „Die Krematorien von Mauthausen“ (2009) und das „Zeitgeschichte Museum Ebensee“ (2001, gemeinsam mit Ulrike Felber). Neben Ausstellungsgestaltungen zu foto- und kunsthistorischen Themen, wie „Schwarzweiß und Farbe“ (Essen, 2000), „Ebenbilder“ (Essen, 2002) und „Alles wieder anders“ (Essen, 2010), entwickelte das Büro auch Gestaltungen, die einen kritischen Blick auf Exponenten der literarischen und musikalischen Hochkultur werfen („Peter Altenberg“, 2001 und „Euphorie und Unbehagen – Richard Wagner und das jüdische Wien“, 2013).

 

Mehr zur Ausstellung „Stollen der Erinnerung“ finden Sie hier.

FACTS

Kontakt:

Bernhard Denkinger Architekt, Wien (AT) > www.denkinger.at

Fotografen:

Andreas Buchberger, Deimel und Wittmar, Rupert Steiner

Fotos:

1 Bernhard Denkinger
2, 3, 4 Konzentrationslager Gusen 1939-45
5 Zeitgeschichte Museum Ebensee
6 Die Krematorien von Mauthausen
7 Alles wieder anders
8 Schwarzweiss und Farbe
9 und 10 Ebenbilder
11 Peter Altenberg

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