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Film- & Bühnenarchitektur

Filmrezension „Shirley – Visionen der Realität“

POSTED 18. September 2014
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PLOT war im Kino! Neugierig auf ein sehr künstlerisches Szenenbild – beruhend auf den Bildern von Edward Hopper, einem der bekanntesten Vertreter des amerikanischen Realismus – haben wir uns den Film „Shirley – Visionen der Realität“ bereits vor dem offiziellen Kinostart am 18.09.2014 angesehen und für Sie rezensiert.

von Anna Bühling

Stand nicht jeder schon einmal vor einem Gemälde und hat sich die Frage gestellt, wie es zu der dargestellten Situation kam – sei es eine außergewöhnliche oder allzu alltägliche Szene? In seinem 93-minütigen Experimentalfilm „Shirley – Visionen der Realität“ gibt der Regisseur und Drehbuchschreiber Gustav Deutsch den Betrachtern von 13 Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper nun je eine von vielen möglichen Antworten, indem er die Gemälde zum Leben erweckt. Dafür vereint er Malerei, Film, Schauspiel sowie Tanz, inszeniert und interpretiert die von Hopper visualisierte Realität, indem seine Schauspieler in und mit den dreidimensional gewordenen Hopperschen Räumen interagieren. Deutsch, der sich nach seinem Architekturstudium in Richtung Kunst und Film orientierte, hat an Hopper fasziniert, dass es zwischen dem Maler, der in seinen Bildern die Wirklichkeit inszenierte, und dem Medium Film starke wechselseitige Beziehungen gibt: Ausschnittswahl und Lichtführung erinnern dabei an den Film noir, während Filmschaffende sich bis heute von Hoppers Werken inspirieren lassen. Bislang hat sich der Filmemacher vorwiegend mit experimentell-essayistischen Filmanalysen beschäftigt. Den Impuls, Bilder des 1967 verstorbenen Hoppers zur Grundlage eines Spielfilms zu machen, gab 2004 eine Retrospektive in Köln.

Entsprechend ihrer Entstehungsjahre sind die Bilder des Films in eine chronologische Reihenfolge gebracht und werden mit Hilfe von Zeiteinblendungen und Radionachrichten in einen zeitgeschichtlichen Kontext gefügt. So beobachtet der Zuschauer die Protagonistin Shirley, eine starke, unabhängige Frau, über einen Zeitraum von 35 Jahren: von den 1930er- bis in die 1960er-Jahre hinein, in dem sie politische, soziale, kulturelle und gesellschaftliche Umwälzungen reflektiert. Ihre freigeistige Einstellung und Lebensweise konterkarieren dabei die konservative politische Einstellung Hoppers. Der Zuschauer nimmt die Rolle des Voyeurs ein, kein Wunder: Die Kameraperspektive verortet ihn stets als Außenstehenden. Denn neben – den Originalbildern nachempfundenen – Totalen, wenigen kleinen Schwenks und Zooms hat die Kamera aufgrund der Gegebenheiten des besonderen Szenenbilds keinen Spielraum. In der Konsequenz sieht der Zuschauer nicht, was außerhalb des Bildausschnitts passiert. So hat er bisweilen einen verlassenen Raum vor sich und nimmt lediglich Geräusche aus dem Off wahr.

Bemerkenswert ist der Nachbau der Räume Hoppers: Detailverliebt haben Gustav Deutsch und seine Lebensgefährtin und Szenenbildnerin Hanna Schimek, jene von der Zweidimensionalität in die Räumlichkeit übersetzt, um sie dann zweidimensional filmisch festzuhalten. Die Möbelstücke sind anamorphotisch und auch ihre Dimensionen wurden den Bildern nachempfunden, so dass manche Einrichtungsgegenstände riesengroß, andere hingegen so klein sind, dass sie kaum ihrer Funktion dienen können. Das Ergebnis der gebauten Bilder ist dabei keine hundertprozentige Entsprechung, sondern vielmehr eine Übertragung der Atmosphären mit Hilfe von Farbe, Licht und Perspektive. Und auch mit der Komposition der Bilder wird gekonnt gespielt: In manchen Szenen ist das Bild bereits fertig, in anderen entsteht es erst im Spielverlauf. Es ist erstaunlich, wie malerisch und artifiziell die so gebauten Raumbilder sind: Durch die monochromen, scharf abgegrenzten Farbflächen verlieren sie ihre Tiefenwirkung. Die Grenzen zwischen Malerei und Film verschwimmen, so dass der Raum nur noch als solcher wahrgenommen wird, weil die Schauspieler ihn begehen und unter Beweis stellen.

Als Experiment, Malerei und Film zu vereinen sowie als Spiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität ist „Shirley – Visionen der Realität“ gelungen. Die Atmosphäre der Bilder wird gekonnt transportiert und die ihnen innewohnende Melancholie ist schon fast körperlich spürbar. Betont wird der sehr ruhige und statische Charakter zusätzlich dadurch, dass die Geschichte Shirleys und der umgebenden historischen Geschehnisse vor allem in inneren Monologen und der expressiven Bewegung, Mimik und Gestik der Hauptdarstellerin Stephanie Cumming stattfindet. Es wird darauf gebaut, dass beim Zuschauer die richtigen Assoziationen und Bilder hervorgerufen werden. Hierfür ist ein gewisser soziokultureller Erfahrungsschatz nötig und so wird der Kreis der potentiellen Zuschauer deutlich eingeschränkt. Insgesamt wirkt die Geschichte konstruiert und dadurch leider künstlich. Sehr spannend geglückt ist es Gustav Deutsch hingegen, Anspielungen auf die künstlerische Inszenierung und philosophische Interpretation von Wirklichkeit mit der filmischen Handlung zu verweben und dadurch eine Auseinandersetzung mit den Visionen der Realität auf mehreren Ebenen anzustoßen.

Passend hierzu wurde das Thema „Visionen der Realität“ nicht nur im Film, sondern auch durch das Medium der Ausstellung bearbeitet: Mit Dioramen, Panoramen und mit Hilfe der Malerei wurden im Künstlerhaus Wien illusorische Szenen geschaffen. Zudem wurden filmische Artefakte – real gewordene Objekte aus Hoppers Gemälden – rekontextualisiert ausgestellt. In Mailand und Wien wurden im Rahmen von Kunstausstellungen zu Edward Hopper Szenenbilder als Installationen präsentiert, mit denen die Besucher interagieren und die Perspektive Hoppers erforschen konnten. Eine Videokamera nahm die Position des Malers ein und übertrug die Aufnahmen live an einen anderen Ort in der Ausstellung. Die Interaktionen der Besucher wurden so wichtiger Teil der Inszenierung.

 

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Shirley – Visionen der Realität

 

FACTS

Titel:

Shirley – Visionen der Realität

Kinostart:

18.09.2014

Regie:

Gustav Deutsch, Wien (AT) > www.gustavdeutsch.net

Drehbuch:

Gustav Deutsch, Wien (AT) > www.gustavdeutsch.net

Kamera:

Jerzy Palacz, Wien (AT) > www.jerzypalacz.com/

Szenenbild:

Gustav Deutsch, Hanna Schimek > www.hannaschimek.at

Fotos:

Jerzy Palacz, Wien (AT) > www.jerzypalacz.com/
Michaela C. Theurl (AT)
Kunsthalle Wien (AT) > www.kunsthallewien.at
Stephan Wyckoff, Wien (AT) > www.stephanwyckoff.com
Plakat: Rendezvous Filmverleih > www.rendezvous-filmverleih.de/shirley_fotos.htm

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