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Ausstellungsgestaltung

Sommer Vierzehn. Die Geburt des Schreckens der Moderne

POSTED 6. August 2014
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In seiner einzigartigen medialen Rauminstallation „Sommer Vierzehn. Die Geburt des Schreckens der Moderne“ mit Panoramaprojektion zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vom 29. Juni bis 11. November 2014 mit dem Blick von heute die Ereignisse des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren, erzählt aber auch die Kontinuitäten des „Schreckens der Moderne“.

Der Kontrast zu der im Rohbau verbliebenen Halle des NS-Baus könnte größer nicht sein: vor den groben Ziegelmauern Liegestühle in weißem Sand, ein paar Strandkörbe, ein hölzerner Laufsteg und der Blick auf ein 37 Meter breites, filmisches Meerespanorama. Schnell vergisst man die 12 Meter über den Köpfen schwebenden Granaten und das 36 Meter lange Rohr einer Fernkanone. Das Szenario soll daran erinnern, dass die zunächst in sommerlicher Unbeschwertheit schnell verhallenden Schüsse von Sarajevo ein risikoreiches diplomatisches Ränkespiel in einem militärisch hochgerüsteten Europa auslösten.

Am Ende eines vier lange Jahre dauernden, industriell geprägten Krieges war schließlich eine ganze Generation von diesen Erfahrungen gezeichnet. Ein Teil wollte nicht wahr haben, dass alles umsonst gewesen sein sollte: Rechte und nationale Gruppierungen formierten sich zu einer Erbengemeinschaft der Gewalt, die durch das Fronterlebnis geprägt und radikalisiert war. In dem durch die Nazi-Führungsclique, die fast sämtlich aus Männern mit den Gewalterfahrungen des Krieges bestand, ausgelösten Zweiten Weltkrieg erfuhr das Schreckenspotential per se dann mit dem industriell organisierten Völkermord in den Gaskammern und den Atomschlägen auf Hiroshima und Nagasaki eine bis dahin unvorstellbare Weiterung.

Heute leben weite Teile Europas seit fast 70 Jahren in Frieden. Gegenwärtig sind die aus Kriegsgebieten in den Medien übertragenen Bilder für die Bevölkerungen anderer Staaten nicht unbedingt Vorboten eines Unwetters unbekannter Ausmaße, sondern allenfalls Wetterleuchten am Rand des globalen Dorfs. Doch die Rauminstallation „Sommer Vierzehn“ ist letztendlich zeitlos: Noch immer ruhen atomare Todesboten in den Raketensilos, und niemand weiß, ob und was möglicherweise einmal ihre Öffnung auslösen wird. Die Menschen haben es in ihrer Hand – sie hatten es auch 1914.

Die Projektion
Auf einer 37 Meter breiten und 7 Meter hohen Leinwand zeigt die Projektion in Full HD mit einer einmaligen Montage aus historischen Filmaufnahmen, Neudrehs an internationalen Schauplätzen, historischem Bildmaterial, Grafiken, Karten und Zitaten den Blick von heute auf die Ereignisse vor hundert Jahren, aber auch die Kontinuitäten des Schreckens nach 1918: über die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg bis heute. Die einzelnen Passagen haben nicht die Aufgabe, die historischen Abläufe chronologisch korrekt zu dokumentieren, sondern sollen das verdeutlichen, was dahinter steht: Vor dem Besucher öffnet sich ein Panoptikum des Schreckens, dem sich Millionen Menschen an Front und Heimat gegenüber sahen. Neben dem Kommentartext gibt es Zitate, die im oder über den Krieg geschrieben wurden. Dabei wird der starke Kontrast zwischen Abertausenden von Toten und dem Individuum aufgebaut.

Der Raum – Die Inszenierung
Die 600 Quadratmeter große und 13 Meter hohe Ausstellungshalle des Dokumentationszentrums bildet eine beeindruckende Bühne für die Inszenierung der Projektion. Sie bedrückt mit der Grobschlächtigkeit ihres Rohbauzustandes den Betrachter. Es lag nahe, die entfernte Ähnlichkeit mit einer Fabrikhalle zu nutzen, um an die industriell-militärische Hochrüstung zu erinnern, der sich alle großen europäischen Staaten vor 1914 zur Absicherung ihrer nationalen Interessen befleißigt hatten.

Die 37 Meter breite und 7 Meter hohe Panoramaleinwand dominiert die Halle. Die Projektionstechnik, vier Projektoren mit einer Helligkeit von je 10.000 Ansi Lumen, erzeugt auf der 260 Quadratmeter großen Fläche die extreme Breitwandprojektion in HD-Qualität und mit nahtlosem Übergang.

Neben der Panoramaleinwand sieht sich der Besucher zunächst einer Strandlandschaft gegenüber: 50 Tonnen feinster Quarzsand wurden 10 cm hoch in der Halle aufgeschüttet, ein 45 Meter langer Holzsteg lädt zum Flanieren über den Strand, Liegestühle zum Verweilen ein. Ein üppiges Weizenfeld grüßt den Besucher beim Betreten der Halle – wie im Sommer 1914 stehen die Halme hoch, über die sich bald Heereskolonnen wälzen sollten. Der Übergang zum Schlachtfeld mit Schiffswrack und abgestürztem Flugzeug in der Halle ist fließend und Teil der Inszenierung. Ein Geschützrohr – mit 37 Metern Länge in der Dimension der Fernkanone der Firma Krupp, mit der die Deutschen 1918 aus über 120 Kilometer Entfernung Paris beschossen – und 76 Granaten in Originalgröße hängen über den Köpfen der Besucher. Obwohl aus Karton, symbolisieren sie eindrucksvoll die Bedrohung, die über dem unbeschwerten Strandszenario schwebt – damals und heute.

Auch Licht und Ton sind wichtige Bestandteile der medialen Installation. In Abstimmung auf die Filminhalte werden Gegenstände in der Halle gezielt in Szene gesetzt. Eine Surround-Beschallung ermöglicht genaue Toneffekte.

Erinnerung im digitalen Zeitalter – ein einmaliges Experiment
„Sommer Vierzehn“ ist der Versuch, Geschichte und Erinnerung gleichermaßen zu erfassen und den Menschen über diese Doppelperspektive emotional zu erreichen: Die Folgen des Ersten Weltkriegs sind bis heute erkennbar, die Fehler der Menschen damals auch heute möglich. Doch es gibt Handlungsspielräume.

Für dieses ambitionierte Projekt zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände keinen Film im eigentlichen Sinn, sondern erstmals ein Zusammenspiel digitalisierter Erinnerung in Form von historischen Bildern, Zahlen und Fakten, heute gedrehten Bewegtbildern und ebenfalls in der Gegenwart geschriebenen Texten über die Geschichte. Der Zuschauer muss seine Schlüsse selbst ziehen. Vom Eintritt in den Raum bis zum Ende der medialen Installation bleibt er der Gegenwartsvorstellung von der Vergangenheit verhaftet – und doch wird die Vergangenheit auf eine ganz andere emotionale Weise vorstellbar, als dies in einer dokumentarischen Ausstellung möglich gewesen wäre.

Begleitend zur Rauminszenierung zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände ab Montag, 14. Juli 2014, in der Kleinen Säulenhalle für die didaktisch-pädagogische Begleitarbeit eine Kabinettausstellung zum Thema.

FACTS

Projekt:

Sommer Vierzehn. Die Geburt des Schreckens der Moderne

Gestaltung:

Rauminszenierung: Büro Müller-Rieger GbR, München > www.buero-mueller-rieger.de
Realisierung Film: P.medien GmbH, München > www.pmedien.com

Projektteam:

Hans-Christian Täubrich, Monika Müller-Rieger (Idee und Konzeption), Hans-Christian Täubrich (Projektleitung)

Standort:

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Bayernstraße 110, D-90478 Nürnberg > www.dokumentationszentrum-nuernberg.de

Zeitrahmen:

29.06. – 11.11.2014

Fotos:

Stefan Meyer Architekturfotografie, Berlin > stefan.meyer@archkom.net

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